Kultur und Zusammenleben: Mein Bayern, meine Heimat

HeimatEine besondere Stärke Bayerns sind seine regionale Vielfalt und sein kultureller Reichtum. Viele seine Bewohnerinnen und Bewohner identifizieren sich in besonderem Maße mit ihrem Land und seiner Kulturlandschaft, ihrer Region und ihrem Wohnort. Bayern ist ihre Heimat. Diese starke Identifikation spiegelt sich auch in einem regen Kulturleben, international herausragenden kulturellen Institutionen sowie kulturellen Aktivitäten in allen Regionen. Nachbarschaftshilfe, bürgerschaftliches Engagement und eine Kultur des Aufeinanderschauens sind besonders ausgeprägt. Das alles trägt auch zu einem hohen Sicherheitsgefühl bei. Spezifisch für unser Land ist auch das Fortwirken alter Traditionen bei einer gleichzeitig sich entwickelnden neuen politischen und kulturellen Offenheit.

Das Bild von Heimat, das die CSU zeichnet, ist rückwärtsgewandt, traditionell, statisch und ausgrenzend. Gibt es ein Gegenmodell der Grünen, das nach vorne gerichtet und offen ein Dach bietet, unter dem sich alle hier lebenden Menschen daheim fühlen könnten?

Der kulturelle Reichtum Bayerns beruht nicht nur auf einer Vielzahl schwäbischer, ober- und niederbayerischer, oberpfälzer und fränkischer Kulturen, sondern auch auf einem beständigen Zustrom aus Jahrhunderten von Einwanderungen und einer fortwährenden kritischen Auseinandersetzung mit allen Traditionen.

Wie fördern wir kulturelle Offenheit und Teilhabechancen, Selbstbestimmung und Vielfalt im kulturellen und zivilen Zusammenleben? Welche Hürden gilt es abzubauen, um politische und kulturelle Partizipation zu ermöglichen? Welche Angebote brauchen wir, um möglichst vielen Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen? Wie können wir sie ermutigen, sich bestehende Angebote anzueignen (Empowerment)?

Kultur ist identitätsstiftend und, insbesondere als Kunst, infragestellend. Um die plurale Demokratie zu fördern, müssen beide Aspekte ins Spiel kommen. Die bisherige bayerische Kulturpolitik betont vor allem die Bestätigung einer geschlossenen Identität. Selber machen ist die entscheidende Kategorie sowohl für unsere Demokratie wie für unsere Kultur.

Wie schaffen wir Offenheit und Raum für alle kulturellen Aktivitäten und Eigeninitiativen? Wie fördern wir Qualität?

Wie können wir Nachhaltigkeit, kulturellen Reichtum, Heimatliebe und Identifikation mit unserer Kulturlandschaft zu einem neuen Grünen Lebensgefühl verschmelzen, das unsere Lebensqualität auch angesichts schwindender materieller Ressourcen mehren hilft?

Wie können wir bei wachsender sozialer, ökonomischer und kultureller Unsicherheit und bei Zerfall traditioneller Solidargemeinschaften und Integrationsstrukturen das zunehmende Sicherheitsbedürfnis befriedigen und gleichzeitig Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Freiheit mehren und stärken?

Wie können wir eine zivile, demokratische politische Kultur stabilisieren, einer sich ausbreitenden Demokratieverdrossenheit und latenten Fremdenfeindlichkeit begegnen und Freude an Demokratie und Selbstbestimmung fördern?

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12 Antworten auf Kultur und Zusammenleben: Mein Bayern, meine Heimat

  1. Stephan sagt:

    Gerade die Verbundenheit mit der Region, Trachten und Traditionen machen es jungen Leuten, die diesen Wertvorstellungen nicht entsprechen (wollen) das Leben schwer. Wir brauchen also Freiräume für junge Menschen. In jedem Kreis sollte mindestens ein von jugendlichen selbstverwalteten Raum geben, der den Jugendlichen ohne Bedingungen kostenfrei zur Verfügung gestellt wird.

  2. Claude Unterleitner sagt:

    Nicht vergessen werden sollte, dass die Naturlandschaft wie ich meine, fest zur Kultur gehört bzw. gehören sollte. Kultur hängt von der umgebenen Natur ab wie auch diese von ihr. Stellt Euch mal einen Jodler vor einem mit einer Skipiste verbauten und im Sommer kahlen Berg vor, dass passt ja wohl nicht zusammen. Ich meine, die Meisten haben vergessen, was für eine Bedeutung die Naturlandschaft für sie , ihre “Heimat” und ihre Kultur hat. Letztendlich werden viele den Verlust derselben wohl erst merken, wenn sie nicht mehr existiert. Wichtig ist meines Erachtens, den Leuten zu vermitteln, dass Naturschutz auch Vorteile hat: z.B. Tourismus fördert, Erholungsraum bietet, die Existenz von Kleinbauern (v.a. Ökolandbau) fördert usw. Die Brauchtumskultur, die ja erhalten werden soll, wird auch nur überleben, wenn nicht alle Menschen vom Land wegziehen, was eben auch erfordert, dass Lebensgrundlagen geschaffen werden. In Frage kommen m.E. hier aber eben nur nachhaltige Formen, die nicht die Natur zerstören, denn dies hätte langfristig gegenteilige Folgen. Holzt man bsp.weise einen ganzen Wald ab, gibt es im Folgejahr keine Verdienstmöglichkeit mehr. Auch regionale Kreisläufe bieten hier wichtige Verdienst- und damit Bleibemöglichkeit für die Einwohner und damit für die Kultur.

  3. Ralph Hoffmann sagt:

    Der Beitrag von Stephan ist mehr als nur bedenkenswert. Längst hat sich eine neue Kultur – oder besser: Kulturen – entwickelt außerhalb der traditionellen Vorgaben. Und diese agieren phantasievoll außerhalb des bürgerlichen Rahmens. Das schlimme dabei ist, dass früher diese Neben- oder Subkulturen die Gesellschaft bereichert haben, weil man irgendwann es zuließ oder zulassen musste, dass diese anderen Formen von Kultur Raum griffen. Heutzutage buhlen aber diese Nebenkulturen überhaupt nicht mehr um gesellschaftliche Anerkennung. Sie brauchen sie nicht mehr. Aber die Gesellschaft braucht sie, um nicht einzurosten.

  4. Stephan sagt:

    @Claude
    Ich finde die Debatte um Kultur-/Naturlandschaft nicht einfach. Mit Skipiste sind wir uns aber einig. Die Frage der weiten Wiesen und weiten Landschaften (die ja auch für den Tourismus interessant sind) sollten nicht unkritisch betrachtet werden. Bsp. sind Wiesen Menschen-gemacht, aber für Tourismus ja unverzichtbar, weil ja nicht alle durch Wald wandern wollen. Wenn man sich zur Kulturlandschaft bekennt, stellt man sich ein Stück weit gegen Ökologie. Wir sollten meines Erachtens auch einen Teil der Natur sich selbst überlassen. Natur-Tourismus ist in gewisser Weise auch eine Ökonomisierung der Natur. Aber sollte die Natur nur dem Menschen dienen?

  5. Ich hielt es ja schon immer für eine gute Idee, herauszustellen, dass es nicht die CSU war, die die bayerischen Seen ausgeschaufelt und daraus die Alpen aufgeschüttet hat. Ich berufe mich auch gerne auf altbayerische bäuerliche Wurzeln und habe keine Angst vor dem Trachtenanzug. Ich erinnere mich an meinen Großvater, der aus uralter Tradition immer zu einem kurzen Gebet innegehalten hat, wenn er sich anschickte, zu pflügen, zu säen, ein Tier zu schlachten oder einen Baum zu fällen – und ich habe das immer als einen gänzlich vorkatholischen Akt der Achtung vor der Natur empfunden. Also eher als einen “grünen” Akt, als einen “schwarzen”.

    Aber es ist nicht so einfach. Wenn Du in einer kleinen Gemeinde im Speckgürtel von München öffentlich sagst, die 15tsd Euro, die der Burschenverein für seine Maibaum-Wachhütte erhalten soll, wären für die Arbeit des Kreisjugendrings besser angelegt; wenn Du sagst, die im Gemeinderat vertretenen Millionenbauern sollen erst einmal mit Spenden selbst die Hauptlast der Kirchenrenovierung schultern, bevor sie mit ihrer Mehrheit beschließen, dass die Allgemeinheit einen großen Beitrag leisten soll; wenn Du nach Winnenden bezweifelst, dass ausgerechnet der Schützenverein förderungswürdige Jugendarbeit leistet und deshalb mehr Geld bekommen muß – dann bist Du schnell mit Reaktionen konfrontiert, die Dich an der bayerischen Art verzweifeln lassen können…

  6. Sepp Dürr sagt:

    Natürlich sind die Stärken Bayerns, etwa die starke Identifikation und das Traditionsbewusstsein, meist mit jeder Menge störender, manchmal sogar unerträglicher Folgen und Nebenfolgen verbunden. Wenn wir da kaum was zu kritisieren hätten, wären wir nicht bei den Grünen. Bei diesem Prozess, den wir jetzt beginnen, geht es darum, die identifizierbaren Stärken unseres Landes mit typisch grünen Stärken so weiterzuentwickeln, dass wir als Partei und gleichzeitig das ganze Land davon profitieren. Unsere größte Stärke ist unsere Wertorientierung, die wir schon im letzten Landtagswahlprogramm herausgestellt haben. Es geht darum, anhand der Kriterien Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Vielfalt, Selbstbestimmung und Demokratie z.B. das Zusammenleben und die Kultur(en) dieses Landes neu zu definieren – aber diesmal anknüpfend eben nicht an den Defiziten (die uns als Oppositionspartei am meisten ins Auge stechen), sondern an den positiven Seiten. Das größte Potential in unserer Partei wie in unserem Land sehe ich, was die (politische) Kultur angeht, in der Begeisterungsfähigkeit, dem Selbstbewusstsein und dem vielfältigen kreativen Reichtum unserer Mitglieder wie unserer MitbürgerInnen. Wenn wir diese drei Stärken zusammenbringen, machen wir einen großen Sprung nach vorne.

  7. Sylvio Bohr sagt:

    Ich halte vom Kulturbegriff welches teilweise in Bayern schwebt nicht viel. Die “besondere Verbundenheit” ist eine napoleonische Errungenschaft, das Vereinheitlichen diverser Gebieten in einer bayerischen Region Sache des 19. Jahrhunderts. Das Trachten- und Blasmusikgetue ist auch eine Erfindung aus der Zeit. Viele Leute haben Heimat und Kultur immer für sich definiert, so genannte Subkulturen gab es immer: zur bayerischen Kultur gehört die Schwabinger Boheme genauso dazu wie die anarchistische Siedlungen der Weimarer Republik. Nur auf diese “Kultur” berufen sich die Konservativen eher ungerne.

    Als Grüne sollen wir auf die Alternativkulturen immer wieder zurückkommen. Zur Besonderheit Bayerns gehören für mich nicht die Schützenvereine oder auch solche Vereine wie die Gebirgsjäger (die auch gerne verherrlicht werden). Diesen alternativen, auch widerspengsigen Geist zu fördern und zu fordern sollte uns weiterhin ein Herzensanliegen sein.

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  8. Ralph Hoffmann sagt:

    Ich möchte Sylvios Beitrag ausdrücklich unterstützen. Interessant wurde es doch z.B. im Bereich Musik, wenn Althergebrachtes neu arrangiert wurde. Und da nenne ich die Biermöslblosn, die Wellküren (damit ist die Familie komplett benannt…), auch einen Konstantin Wecker, Ringsgwandl, Schariwari, etc. Aber es gibt da auch genug kleine Beispiele wie z.B eine Gruppe, die ich kennengelernt habe, nämlich die OSB. All das sind Einzelbeispiele aus der Alternativen Musikkultur, angelehnt an das “Bayerische Kulturgut”. Aber das reicht noch weit über den beschränkenden Begriff “Musik” hinaus. Sepp Dürr war vor einer Woche in einer Kulturstätte in Nürnberg, wo einstmals die AEG tobte. Oder der Lokschuppen in Rosenheim. Oder das E-Werk in Erlangen. Oder, oder, oder… Ich würde mich freuen, wenn wir uns noch mehr zu diesen alternativen, freien, kritischen, … Kulturschaffenden bekennen würden. Sonst haben die doch niemanden, der sie unterstützt…

  9. Jan Sieckmann sagt:

    “Wie können wir bei wachsender sozialer, ökonomischer und kultureller Unsicherheit und bei Zerfall traditioneller Solidargemeinschaften und Integrationsstrukturen das zunehmende Sicherheitsbedürfnis befriedigen und gleichzeitig Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Freiheit mehren und stärken?”

    Kultur oder ein bajuwarischer künstlicher Patriotismus etc. kann nicht diese Probleme zupflastern. Ein Sicherheitsbedürfnis zu stillen und damit auch Mut zur Freiheit zu eröffnen, das könnte eher ein sicherer Arbeitsplatz, kann ein Angehen der genannten Probleme selbst.

  10. Jan Sieckmann sagt:

    Mit Ralph und Sylvio: Haindling statt Hinterseer.

  11. Natürlich ist es schön und aufregend anregend zugleich, all die Valentin-Nachfolger in Bayern zu sehen und zu hören, die Wellküren, wie die Kuba-Bayrischen, die ganze so genannte Subkultur eben. Aber: Auch die Regensburger Domspatzen, die Münchener Kammerspiele und das Würzburger Afrikafest sind ebenfalls geniale Kultur für UNS. Und: Kultur ist doch mehr, als nur verzehrende Kultur. Wenn wir lernen, uns nicht nur im Widerspruch zu anderen, sondern im Integrieren zu definieren, wird der aus vielen Wassern gespeiste Kulturfluß nicht versiegen und immer reich an Anregungen sein. Dabei kommt es eben nicht an, auch bei uns Grünen nicht, nur Selbstbestätigung abzuholen, also das zu suchen, was wir eh schon kennen oder können, sondern Anregungen, Vorbildliches, auch mal was Ver-Störendes aus der Kultur zu saugen. Der weltberühmte Schauspieler Bierbichler repräsentiert auch sehr stark unser emanzipatorisches Bayern, auch wenn er Ibsen am Deutschen Theater in Berlin spielt. Volks-Tümeln sollten wir nicht. Auch nicht grün.

  12. Ralph Hoffmann sagt:

    Niemand sprach davon, das “Konventionelle” an Kultur abzuschaffen. Das eine tun und das andere nicht lassen, das ist doch die Devise.

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