Bayern verändert sich. Es wird vielfältiger (durch Zuwanderung und sozialen Wandel), weltoffener (durch internationale Verflechtung), widersprüchlicher (weil mehr verschiedene Lebenswelten aufeinander treffen), eintöniger (durch immer mehr von den gleichen öden Gewerbegebieten), reicher (weil der Wohlstand steigt), ärmer (an Tier- und Pflanzenarten), gespaltener (weil die Teile des Landes auseinander triften), wärmer (durch den Klimawandel) und kälter (weil ein wachsender Teil der Bevölkerung vom Wohlstand des Landes nicht profitiert).
Dieser Wandel und seine Widersprüche ändern auch die politische Landschaft in Bayern. Die beiden Volksparteien CSU und SPD sind nicht (mehr) in der Lage, die gewachsene gesellschaftliche Vielfalt abzubilden und eine Politik anzubieten, hinter der sich die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler versammeln kann.
Die neuen Fragen nach den Folgen des Klimawandels, der Bildungsgerechtigkeit, der Integration, der verschiedenen Lebensmodelle bleiben bislang von der regierenden Politik weitgehend unbeantwortet. Die seit einem Jahr amtierende Mehrheit im Landtag war zu größeren Korrekturen gegenüber ihren Vorgängerregierungen oder zu neuen Antworten bislang weder willens noch in der Lage. Genau die sind aber gefragt.
Und damit sind wir Grüne gefragt. Wohin soll sich Bayern entwickeln? Was braucht das Land? Bevor wir das Ziel definieren, ist eine Bestandsaufnahme angesagt. Auf welche Stärken Bayerns und seiner EinwohnerInnen können wir aufbauen? Welche Potenziale gibt es, die bislang nicht richtig genutzt werden? Wir Grüne haben bislang noch nicht systematisch versucht, diese Fragen zu beantworten. Ein Versäumnis, dass wir nun nachholen wollen. Denn in Bayern steckt viel mehr drin als Oktoberfest, geranienbepflanzte Balkone oder die CSU.
Was das alles ist, wollen wir zusammen mit euch erkunden.
Dafür wollen wir entlang von sieben Themen diskutieren. Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit ziehen sich als Querschnittsthemen durch alle Fragen. Den Auftakt machen wir bei der Landesversammlung am 21./22. November in Bamberg. Die Ergebnisse werden wir zusammenfassen, weiter vertiefen, in der Partei und öffentlich debattieren. Unser Ziel ist es, eine Debatte in Gang zu bringen über die Richtung, die Bayern einschlägt. Diese Debatte soll nicht von Expertenkommissionen geführt werden, sondern von möglichst vielen Menschen. Denn: in Zukunftsfragen ist jede und jeder ein/e ExpertIn.
Die sieben Themen und die beiden Querschnittsthemen werden in diesem Blog kurz vorgestellt. Die Themen- und Fragestellungen sind hierbei natürlich noch nicht vollständig und endgültig. Vorerst sollen sie nur einen Rahmen bilden. Für Kommentare jeglicher Art sind wir deshalb sehr dankbar! Mischt euch ein!
Muss das unbedingt “Mein” Bayern heißen? Das wirkt nicht gerade weltoffen, oder?
@Jean-Pol Die Idee hinter dem Begriff “Mein Bayern” war dieses unser Bayern/Franken/Schwaben für jeden und jede als Fokus der aktiven Gestaltung, Teilhabe und Identifikation zu begreifen. Damit wollen wir Grüne gleichzeitig signalisieren, dass wir für unser/mein Bayern eine positive, grüne und weltoffene Vision entwerfen wollen.
Freilich lädt aber jeder Titel zu Interpretationen ein, die hinterfragt werden können. In diesem Prozess ist aber der Überbegriff ohnedies nicht das Entscheidende, sondern der Prozess und die Debatte selber.
Es ist nur der Titel, der Überbegriff, mehr nicht. Natürlich ist Bayern mehr, als nur das “bajuwarische”. Der Prozess selbst und die Debatte ist entscheidend – richtig. Aber noch wichtiger sind die Ergebnisse. Wenn als Endergebnis bei dieser Auseinandersetzung steht, dass alle Landesteile, also Bayern, Schwaben, Franken und Oberpfalz berücksichtigt werden und es keine einseitige Personalpolitik gibt, dann ist sehr viel gewonnen, nämlich die Herzen derer, die aus den anderen Landesteilen als den bajuwarischen kommen. Die Bevölkerung achtet mehr darauf, als man denkt.
Die GRÜNE JUGEND Bayern hatte mal überlegt, ob nicht S.O.F.A auch ne gute Abkürzung sein könnte: Schwaben, Oberpfalz, Franken, Altbayern. “Mein SOFA” hätte auch was gemütliches
Mein Bayern, mein SOFA- gemütlich und bayerisch und schön, ich dachte aber wir wollen “in die Puschen” kommen, neu starten, einen Aufbruch wagen
? Und dabei nicht an der Oberfläche bleiben, nicht über Titel und Überschriften diskutieren, sondern einen inhaltlichen Prozess anstoßen? Um wirklich neu zu denken, in anderen Strukturen zu denken, müssen viele eingefahrene Gedankenstrukturen aufgegeben werden. Dazu gehört sicher auch das Denken in regionaltypischen Dimensionen. Das ist, glaube ich, gar nicht so einfach. Für ein GRÜNES Bayern (oder GRÜNES SOFA) denken und nicht gegen was auch immer… Einbeziehen, was in der Gesellschaft gerade rumort,hören, was die Basis will, den Prozess dann in die Partei tragen… Ich habe “Mein Bayern” bisher gar nicht im Sinne von Ralph verstanden, dass das Endergebnis (das es in meinen Augen bei so einem Prozess gar nicht geben kann)mit Berücksichtigung der Landesteile oder Personalpolitik zu tun haben wird. Ich dachte eher an einen über das Politische und vor allem -oder besser gesagt- über das Parteiliche, hinausgehenden Prozess.Abgesehen davon, finde ich, Personalpolitik soll sich an guter Arbeit orientieren, an Qualität und (in keiner Richtung) an der Herkunft.
Hallo zusammen, ein Thema, das durchaus auch als Querschnittsthema gelten kann, fehlt mir: Vorsorge und Gesundheit und Pflege. Ein Thema, das uns in den nächsten Jahren mit Sicherheit beschäftigen wird und muss. Einmal aus Sicht der Patienten und ihrer Möglichkeiten (auch finanziell). Als Schlagwort sei hier nur Zweiklassenmedizin und flächendeckendes Angebot mit Haus- und Fachärzten und mit Apotheken genannt. Besonders im ländlichen Bereich. Aber auch als Wirtschaftsfaktor, aus Sicht der Arbeitnehmer/Arbeitgeber: viele Stellenangebote innerhalb der Gesundheitsbranche werden von Frauen nachgefragt (Halbtagsstellen, famlienfreundliche wohnortnahe Stellen). Auch wichtig: Lohnnebenkosten, Kassenbeiträge etc. Die Gesundheit wird ein wesentlicher Wachstumsmarkt sein. Unter dem Stichwort “Prävention” sind außerdem sämtliche Süchte – Alkohol bei Jugendlichen, Nichtraucherschutz etc. – und eine gesunde Umwelt zu subsummieren. Auch ein Apell an die Eigenverantwortung hinsichltich gesunder Ernährung z.B. ist wichtig. Wie gehen wir mit den Alten um, mit den Pflegebedürftigen? Das sind Fragen, die die Gesellschaft in den nächsten Jahren beantworten muss. Damit zeigen wir, welches Gesellschaftsmodell wir anstreben wollen. Und darf ich bitte noch eine winzige Kritik anbringen? Das Logo ist ein Männerlederhosenträgermittelstück. Als Symbol für Oberbayern als CSU-Land möglich, für eine moderne neue grüne Kultur m.E. unmöglich.
Hallo Gabriella,
als Querschnittsthemen sind natürlich viele Dinge vorstellbar. Es ist auch klar, dass wir mit nur sieben Themen nicht alle Politikereiche 100%ig abdecken können. Jedes Thema kann aber natürlich im Rahmen der Workshops bzw. im Nachfolgeprozess vorkommen. Das hängt jeweils allein an den Leuten die den Prozess mitgestalten – also an allen die mitmachen wollen. Auf der LDK könnte ich mir Deine Vorschläge z.B. gut unter dem Punkt “Zusammenleben”, weniger “Kultur” vorstellen. Vielleicht auch unter dem Punkt “Allen gerecht werden”.
Wegen des Fotos hatte ich gestern erst eine kleine Diskussion. Natürlich steht es von der Symbolik her eher für “Altbayern”. Es ist aber mitnichten das Logo für den Prozess, sondern ist einem alten Wahlplakat (2008) von uns entnommen. Vorerst ist es lediglich ein Platzhalter, um dieses Blog etwas aufzulockern. Das gilt auch für die anderen Fotos. Ich finde aber, dass es uns mit diesem Foto – und auch anderen – sehr gut gelungen ist, “altmodische” und CSU-belastete Symbolik für uns Grüne modern zu vereinnahmen. Erstmal ist es auch nur ein Foto in einem Blog. Ich schaue aber auch mal, ob wir nicht auch etwas neutraleres finden.
Schönen Gruß,
Fabian
Nebenbemerkung: das Photo spielt doch schön mit dem Klischee und deutet es ins Grüne, so mein Empfinden. Das wäre eine Lederhose, die sogar ich kaufen würde (kannst Du da direkt mitnachschauen, Fabian?)