Für unseren Zukunftskongress zum Thema Wachstum konnten wir viele spannende Referentinnen und Referenten gewinnen. Dorothee Rodenhäuser wird auf dem Kongress detaillierter auf eine alternative Methode der Wohlstandsmessung eingehen. Einen ersten Einblick gewährt sie hier im Blog:
Garantiert Wachstum Wohlfahrt?
Inputartikel zur Messung von Wohlstand und Wohlfahrt
von Dorothee Rodenhäuser (Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg)
Politik und Öffentlichkeit orientieren sich traditionell am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und insbesondere an dessen Wachstumsraten, um den Wohlstand einer Gesellschaft oder gar deren Wohlergehen beziehungsweise Wohlfahrt zu ermessen. Angesichts negativer „Nebenwirkungen“ unserer Wirtschaftsweise geraten jedoch sowohl die Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum als auch das BIP als Leitindikator immer mehr in die Kritik. Denn Umweltschäden, Ressourcenverbrauch und wachsende soziale Ungleichheit finden keinen oder sogar – wie etwa im Fall der Reparatur von Umweltschäden – positiven Niederschlag in der Berechnung des BIP. Gleichzeitig bleiben Wert schöpfende Aktivitäten wie Hausarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten, die positiv zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beitragen, unberücksichtigt.
Gerade in den letzten Jahren hat sich daher eine lebhafte internationale Debatte darüber entwickelt, wie gesellschaftlicher Fortschritt und Wohlfahrt inhaltlich und methodisch besser gemessen werden können. Diese reicht über rein wissenschaftliche Kreise hinaus. So wurde 2007 auf europäischer Ebene die Initiative „Beyond GDP“ ins Leben gerufen, in deren Rahmen eine breite Beschäftigung mit Alternativen zur ökonomiezentrierten Wohlstandsmessung stattfindet. Die Arbeit der „Stiglitz-Kommission“, die im Auftrag des französischen Präsidenten der Frage nach Alternativmaßen nachging, erfuhr Ende letzten Jahres auch große öffentliche Aufmerksamkeit.
Einen weiteren Diskussionsbeitrag leistet der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) für Deutschland.[1] Der NWI versucht, die verschiedenen Aspekte einer Wohlfahrtsrechnung zu erfassen, indem er Teilindikatoren aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Soziales in einer monetären Kenngröße zusammenfasst. Denn während Sozial- und Umweltberichterstattungssysteme, Umweltökonomische Gesamtrechnungen und Indikatoren zur Erfassung der Lebensqualität in ihrer Gesamtheit viele Lücken der Wohlfahrtsmessung schließen, fehlt bis dato eine Alternative „auf Augenhöhe“ mit dem BIP. Mit dem NWI wurde ein Schritt in Richtung eines solchen Pendants zum BIP unternommen.
Dabei ist der Vergleich mit dem BIP äußerst interessant: Während das BIP von 1990 bis 2007 recht stetig ansteigt, erreicht der NWI um das Jahr 2000 seinen Höhepunkt und nimmt in den letzten Jahren wieder erkennbar ab. Verantwortlich dafür sind vor allem die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung und die negativen externen Effekte im Umweltbereich. Positiv eingehende Faktoren, insbesondere der Wert der Hausarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeiten, die ebenfalls zunehmen, können dies nicht ausgleichen.
Der NWI macht diese vom BIP vernachlässigten Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung sichtbar. Er eröffnet damit auch die Chance, andere Quellen des Wohlstands und der Wohlfahrt zu erkennen und zu stärken.
[1] Zum NWI vgl. Hans Diefenbacher/Roland Zieschank (unter Mitarb. v. Dorothee Rodenhäuser) (2009): Wohlfahrtsmessung in Deutschland – ein Vorschlag für einen nationalen Wohlfahrtsindex. Heidelberg/Berlin: FEST/FFU, im Internet unter http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/mysql_medien.php?anfrage=Kennummer&Suchwort=3902
“Der NWI macht diese vom BIP vernachlässigten Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung sichtbar. Er eröffnet damit auch die Chance, andere Quellen des Wohlstands und der Wohlfahrt zu erkennen und zu stärken.”
Und der NWI berücksichtig womöglich Dinge, die überhaupt keine Aussagekraft bezüglich des erreichten Wohlstands haben.
Wie man an der gegenläufigen Entwicklung von NWI und BIP sieht, garantiert Wachstum nicht gleich Wohlstand. Ich denke, dass dies in der Gesellschaft auch gespürt wird, es aber schwerfällt, das “Hamsterrad” Wachstum etwas zu verlangsamen. Die ökologische und soziale Verantwortung eines jeden Einzelnen sollte mehr ins Bewußtsein gerufen werden und so versuchen ein neues Gesellschaftsmodell zu erarbeiten, wo sich jeder aufgehoben fühlen kann und nicht die Befürchtung haben muss, dass ihm etwas genommen wird.