Wandel oder Verzicht?

Für unseren Zukunftskongress zum Thema Wachstum konnten wir viele spannende Referentinnen und Referenten gewinnen. Peter Unfried, Chefreporter der taz und Autor des Buches “Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich”, wird dort einen Workshop zur Lebenstilfrage leiten. Wandel oder Verzicht? Oder beides? Was ist der richtige Weg. Einen ersten Einblick gewährt er hier im Blog:

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Wandel oder Verzicht?

von Peter Unfried

Wenn bei uns Freunde zu Besuch kommen, sagen manche als erstes: “Äh, hallo, wir sind aber leider mit dem Auto da.” Der Satz platzt praktisch aus ihnen raus. Eine klassische Projektion. Sie denken, man sollte eigentlich nicht mit dem Auto kommen bei dem Mobilitätsangebot einer Großstadt. Und vor allem denken Sie, dass ich als Neuer Öko sie verurteile, weil sie trotzdem mit dem Auto da sind.  Das ist ihnen total unangenehm. Und weil es ihnen total unangenehm ist, hassen sie mich und die Vorstellung, ihr Leben wegen Klimawandel undsowas ändern zu müssen.

Das und viele andere emotionale und kulturelle Blockaden sind bisher viel zu wenig beachtete Haupthindernisse auf dem Weg zu einer ökologischen Transformation der Gesellschaft. Der Schlüssel nach Morgen ist nicht Tugend oder Moral. Grundlage für individuelle, gesellschaftliche und damit politische Handlungsfähigkeit ist ein neues Denken, in dem  die Angst vor Klimakultur nicht mehr größer ist als die Angst vor dem Klimawandel. Es geht speziell auch für Kulturkreative darum, die eigenen Blockaden zu erkennen, zu überwinden und damit Teil einer Avantgarde zu werden, die Lebensstilverantwortung übernimmt und professionell und progressiv vorangeht.

Es geht nicht darum, lustig oder krampfhaft verantwortungsbewußten Konsum zu pflegen, es geht schon gar nicht darum, unter Schmerzen zu verzichten. Es geht darum, die eigene Vorstellung von Lebensglück radikal zu verändern und damit die gesellschaftliche in Deutschland, die seit 1945 im wesentlichen und übrigens auch bei sogenannten Postmaterialisten darauf beruht, dass man erst Polo, dann Passat und dann im Optimalfall einen dicken Mercedes fährt.

Ob bewußt oder unbewußt gehen die meisten Menschen nach wie vor davon aus, dass mehr CO2-Ausstoß mehr Wohlstand bedeutet. Zurecht, wenn man die Realität sieht. Das neue Leitbild geht aber davon aus, dass Grundlage unseres Lebensglücks Dekarbonisierungswachstum ist. Das kann man nicht einfach anordnen oder rational angehen, das muss man auch fühlen und mit den richtigen Produkten und Begriffen begehrenswert machen. Dekarbonisierungswachstum ist so ein Begriff. “Ich habe Dekarbonisierungswachstum” muss sich anfühlen wie “Ich habe Sex.” Und besser.

Im Moment haben wir aber nicht einmal ein Bild von einem “Ökoauto” in Deutschland – allenfalls eine komplizierte Fachdiskussion. Die Sache ist kompliziert, dennoch braucht es Ikonen, die klar und simpel für das Neue stehen, so wie es der Prius in den USA tut.

Wir haben auch  keine gemeinsame Sprache, geschweige denn eine, die  so emotional und sinnlich wäre, wie es nötig ist, um in die Köpfe einer gesellschaftlichen Avantgarde zu kommen, um von dieser Basis aus breitere gesellschaftliche Allianzen schließen zu können.

Es geht nicht darum, immer schön den Fernseher auszuschalten, um Strom zu sparen. Es geht darum, seinen Strom selbst zu produzieren. Nicht, weil man toll ist oder Geld spart. Sondern weil das zum Kanon der bürgerlichen Pflichten und Lüste im 21. Jahrhundert selbstverständlich dazugehört. Das gilt für Individuen und Bürgerzusammenschlüsse, wie für Kommunen. Wer seine Energie mit Hilfe von Wind oder Sonne produziert, ist aus der fehlgeleiteten Verzicht- und Moraldebatte und der Ausredengesellschaft raus.

Selbstverständlich wird die ökologische Transformation nur über die Masse möglich, also über den politischen Rahmen, über regulative Instrumente über die Förderung von neuen Schlüsseltechnologien und – Projekten. Dennoch ist die individuelle Entwicklung keinesfalls nichtig. Sie ist die Grundlage dafür, dass Klimapolitik möglich wird.

Derzeit sind wir uns global in der Theorie einig, dass der Klimawandel Aktion erfordert und mißverstehen den theoretischen Konsens als Aktion.

Der einzige Verzicht, den wir brauchen, ist der auf theoretischen globalen Konsens. Das neue Jahrzehnt ist das Jahrzehnt der freien Entscheidung eines jeden okayverdienenden Bürgers in den wohlhabenden Industrienationen. Wir entscheiden uns: Für Lebensstilverantwortung. Für Klimakultur. Oder ganz bewußt dagegen.

Wie der alte Bildungsbürger Joschka Fischer zu sagen pflegte: Tertium non datur.

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