Für unseren Zukunftskongress zum Thema Wachstum konnten wir allerlei spannende Rednerinnen und Redner gewinnen. Neben Fritz Kuhn (stellv. Fraktionsvorsitzender) und Dr. Sabine Reiner (Bundesvorstand ver.di) wird auch Randolf Rodenstock (Präsident des vbw) auf dem Kongress sprechen. Einen ersten Einblick auf seine Sicht der Dinge gewährt er hier im Blog:
Wachstum heißt nicht: Mehr vom selben.
von Randolf Rodenstock
Ob bzw. wann wir an die „Grenzen des Wachstums“ gelangen – diese Frage wird spätestens seit dem gleichnamigen Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 diskutiert. Mit 38 Jahren Abstand können wir sagen: die pessimistischen Vorhersagen dieses Berichts haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Zwar verzeichnete das weltweite BIP im Zuge der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 zum ersten Mal ein leichtes Minus. Die vier Jahre davor war die Weltwirtschaft jedoch so schnell gewachsen wie noch nie – um rund fünf Prozent. Und laut der Prognosen des IWF wird die Weltwirtschaft an diese Dynamik in den kommenden Jahren anschließen können – mit Wachstumszahlen über vier Prozent. Der Wachstumstrend ist also ungebrochen – und Grenzen sind nicht in Sicht.
Ist Wachstum aber an sich gut? Ist mehr immer besser?
Es gibt Diskussionen darüber, das BIP als Bemessungsgröße der Wachstumsdynamik einer Volkswirtschaft abzulösen. Die Kritik: das BIP dokumentiert zum einen lediglich die in Geld messbare Wirtschaftsleistung und berücksichtigt zum anderen kaum die Aspekte, welche den Wohlstand mindern, z.B. Umweltschäden. Überlegungen zu einer Neujustierung der Bemessungsgröße sind sehr wohl nachvollziehbar. Sie schärfen den Blick für die qualitative Seite des Wachstums und stoßen kreative Prozesse an, Wachstum weiter zu denken: nicht nur als quantitatives, sondern auch als qualitatives, nachhaltiges Wachstum. In diesen Prozessen steckt großes Innovationspotenzial. Eines gilt jedoch weiterhin: Unabhängig davon, wie wir Wachstum neu denken, bleibt es an und für sich notwendig.
Wachstum sichert den sozialen Frieden.
Denn Wachstum verschafft die Möglichkeit, die Lage der schwächeren gesellschaftlichen Gruppen zu verbessern, ohne den anderen etwas wegzunehmen. Das verhindert Verteilungskämpfe. National heißt dies: der Abbau unserer hohen Staatsschulden kann nur gelingen, wenn unsere Wirtschaft nachhaltig wächst. International heißt dies: um das Wohlstandsniveau der Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern friedlich zu heben, ist Wachstum eine unabdingbare Voraussetzung.
Wachstum entspricht dem Streben des Menschen nach Mehr.
Denn Wachstum ist ein Ausdruck dafür, dass Menschen durch ihre Fähigkeiten und ihre Leistung ihr Leben und das Leben der Gemeinschaft im Materiellen verbessert haben. Zwar reicht materieller Wohlstand alleine nicht zum Glück, aber er bleibt eine wichtige Voraussetzung dafür.
Mehr ist also besser. Hätten unsere Vorfahren vor hundert oder 50 Jahren beschlossen, ihr Streben nach Mehr einzustellen, ginge es uns heute deutlich schlechter, materiell wie ideell. Ihr Ehrgeiz hat uns den Wohlstand verschafft, den wir heute als selbstverständlich erachten.
Mehr heißt aber nicht: Mehr vom selben. Das hieß es noch nie. Wachstum entsteht nämlich nicht da, wo auf neue Herausforderungen alte Antworten gegeben werden. Im Gegenteil: das Streben nach Mehr hat immer schon zu fantastischen Innovationen geführt – und in der Folge zu Wachstum. Wenn wir dies auch heute beherzigen, dann dürfen wir sehr zuversichtlich sein, dass es auch morgen keine Grenzen des Wachstums geben wird.