Viele Landesarbeitskreise der bayerischen Grünen haben sichmit dem Thema Wachstum beschäftigt. In einer kleinen Serien werden hier im Blog Einschätzungen der Arbeitskreise aus ihrer eigenen thematischen Sicht präsentiert. Diese Woche stellen Anna Hanusch, Marlis Friedl und Doris Wagner die Positionen des LAK Frauenpolitik vor:
Wir leben in einer schnelllebigen, gehetzten Zeit, die geprägt ist vom Schneller, Höher, Weiter. Das führt uns in eine dramatische Klimakatastrophe, zerstört unsere Umwelt, und geht Hand in Hand mit unverantwortlichem Ressourcenverbrauch, aber auch mit der sträflichen Vernachlässigung menschlicher Bedürfnisse, wie der Balance zwischen Arbeit und Leben. Dies führt zu zunehmenden gesundheitlichen Problemen wie dem Burn-out-Syndrom, Allergien, Herzinfarkten, aber auch zu übersteigertem Konkurrenzverhalten und letztlich auch zu einer zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft.
Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob wir in einer solchen Gesellschaft leben wollen. Wenn wir unsere Welt, wie wir sie kennen, erhalten wollen, muss sich etwas ändern. Die Frage ist also: Was müssen wir ändern, wie müssen wir es ändern – damit sind wir bei der Wachstumsfrage.
Kritik am bisherigen Wachstumsdenken aus Frauensicht
Wir als LAK Frauenpolitik möchten diese Frage aus unserer frauenpolitischen Sicht beleuchten. Hierbei ist zunächst die bestehende Definition von Wachstum mit seiner Berechnung in Frage zu stellen.
«Wie kann realitätsgerecht Wirtschaftspolitik betrieben werden, wenn der größere Teil der menschlichen Arbeit – nämlich die unbezahlte – nicht in Betracht gezogen und zudem als beliebig verfügbar und flexibel angenommen wird?» – Mascha Madörin, Ökonomin und Mitglied des Frauenrats Schweiz
Die heutige Bewertung von Wirtschaft ist per Definition schlecht für Natur und die Frauen: Soziale und ökologische Werte werden genutzt, aber nicht berechnet. Die so genannten reproduktiven Leistungen werden gleichzeitig ausgegrenzt (über die Bewertung) und angeeignet (in der Verwertung). Während die Ökonomie sich in Theorie und Praxis um die Produktivität der bezahlten Arbeitskraft drehte, bleibt sie bezüglich der Produktivität des so genannten Reproduktiven blind – der Natur und der sozial weiblichen Arbeit
Wünschenswertes Wachstum – abzulehnendes Wachstum
Wie kann die bestehende Fixierung auf ein stetiges Wirtschaftswachstum gekoppelt an einen steigenden Verbrauch der Ressourcen der Natur und der Gesellschaft umgewandelt werden in ein qualitätssteigerndes und wohlstandssteigerndes Wachstum?
1. Die Definition von Wirtschaft und Wohlstand und Wachstum muss verändert werden.
Sowohl die Leistungen der Natur, die ihre Rohstoffe und Energie zu Verfügung stellt, als auch die unentgeltlich erbrachten Leistungen der Menschen in Erziehung, Pflege und der Förderung von Gemeinschaft müssen als Wert stärker geschätzt werden.
Frauen sind heute bereits von vielen Seiten Belastungen ausgesetzt. Die Anforderung Familie und Karriere zu meistern, sowohl im Berufsleben mehr zu erreichen als die Mütter, gleichzeitig aber den Kindern eine ebenso gute, wenn nicht bessere Kindheit zu bieten, überfordert viele Frauen. Die Gesellschaft erwartet und kalkuliert damit, dass die Frauen neben der Erwerbsarbeit auch noch die private „Sorge-Arbeit“ erledigen.
Diese traditionelle Frauenaufgaben scheinen dem Markt entzogen, gelten als »Privatsache« der einzelnen Haushalte. Es ist an der Zeit, die Bedeutung des Privaten für das Wirtschaften zu erkunden. Nicht nur im Interesse von Frauen, sondern vor allem zugunsten einer Neubewertung der Lebensbereiche außerhalb des Markts ist die Kritik und Revision der Ökonomie unumgänglich.
• Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen (Ernst Ulrich von Weizsäcker)
• Und sie müssen auch die soziale Wahrheit sagen!
Wenn dieser Verbrauch von Ressourcen eingepreist wird, dann wird „falsches“ Wachstum unwirtschaftlich; die Umwelt, aber auch menschliche Ressourcen werden geschont.
Eine neue Bewertung kann zu einem Vorteil gerade auch für die Frauen werden, die noch den großen Teil der sogenannten „Sorge-Arbeit“ verrichten.
2. Modell des Vorsorgenden Wirtschaftens und Kooperative Wirtschaftsformen
Kern der globalen Krisen ist die systematische Zerstörung der lebendigen Grundlagen des Wirtschaftens. Sorge-Arbeit, fürsorgliche Tätigkeiten im Haushalt und in der Gesellschaft sowie Eigenarbeit, die die Abhängigkeit von Konsumgütern verringert, gelten als „Nicht-Arbeit“.
Alle Menschen sind heute in einer medialen Welt dem Zwang zum Konsum ausgesetzt. Frauen müssen sich mit Rollenbildern auseinander setzen, die nicht ohne Kauf von Markenbekleidung, den neuesten technischen gadgets, Einsatz von Markenkosmetika und in letzter Konsequenz auch Schönheits-OPs zu erreichen sind. All diese Branchen entdecken in den letzten Jahren auch mehr die Männer als Konsumenten – denn schließlich müssen auch sie wachsen. Welche unserer Bedürfnisse sind real, welche künstlich erzeugt und was macht uns zufrieden und glücklich?
Auch wenn wir nicht zur Großfamilie früher Zeit zurückkehren wollen und können, so sind doch die dort traditionell mehr von den Frauen geleistete „Sorge-Arbeit“ und Eigenarbeit Vorbild für eine alternativen ökonomischen Rationalität. Diese nicht-marktlichen Sektoren sind besonders in der Krise Stabilisatoren der Gesamtökonomie und der Gesellschaft.
Es gibt bereits andere Formen des Wirtschaftens, die nicht dem Effizienz-Denken und der Wachstumsquote unterliegen. Wir müssen uns fragen, welche Bereiche sollen tatsächlich der Profitmaximierung unterliegen und wo wären genossenschaftliche, kooperative, gemeinwirtschaftliche Modelle geeignet? Durch unabhängige, regionale Projekte (z.B. Bauprojekte, Energieerzeugung von Kommunen etc.) ist eine Veränderung des Wirtschaftens möglich.
Ist ein Bevölkerungswachstum noch wünschenswert?
Die Gesellschaft in Deutschland fordert von den Frauen auch Kinder, um Überalterung zu verhindern. Aber selbst in Deutschland sind Kinder weiterhin ein Armutsrisiko. In dieser Wettbewerbsgesellschaft überlegen immer mehr junge Menschen, ob sie sich Kinder leisten können oder wollen.
Global gesehen kämpfen wir allerdings mit einem explodierenden Bevölkerungswachstum. Die Frauen in Entwicklungsländern sind oft auf sich allein gestellt – dabei ihre Kinder zu ernähren und im Kampf um das tägliche Überleben. Sie sind augenblicklich die größten Verliererinnen bei den einsetzenden Verteilungskämpfen um die natürlichen Ressourcen. Diese Kämpfe werden mit dem Fortschritt des Klimawandels noch härter werden. Weniger Wachstum ist gut für die Erde, die Ressourcen, die Natur, die Anforderungen an die Menschen.
Umdenken – wie kommen zu einer neuen Lebensweise?
Hier kann die Gesellschaft von der Natur und auch von den Frauen lernen:
Die Natur ist von Kreisläufen geprägt, Phasen die ineinander übergehen und sich gegenseitig bedingen. Der Wechsel der Jahreszeiten, der Tagesablauf, das menschliche Leben – nichts funktioniert mit einer stetigen Linie im höher und weiter.
Zu jeder Schaffensphase gehört auch die Erholungsphase, Produktion bedingt auch Reproduktion. Ein stabiler Zustand ist positiv und Sachen, die nur nach oben wachsen, werden immer instabiler.
Es gibt eine Grenze des Wachstums. Unsere Erde und auch die einzelnen Menschen sind nicht unendlich belastbar. Was ist Mensch wert und welche Belastungen hält er/sie aus? Leistungen sind nicht beliebig schneller zu machen, auch Menschen sind nicht beliebig zu beschleunigen. Wir brauchen eine Kindheit, Jugend, das Alter und auch die Mid-Life-Crisis, mit Lernphasen, Wachstumsphasen, Rückschlägen, Erholungsphasen und mit Freiheiten Fehler zu machen, Dinge auszuprobieren, nicht alles immer einem Wachstumsziel unterzuordnen.
Frauen haben eine wichtige Aufgabe, wenn es um lebenswerte Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise geht. In ihrer (wie auch immer zu bewertenden) Zuständigkeit und Kompetenz für die Bewältigung des Alltags, für sorgende und versorgende Tätigkeiten, wird von ihnen soziale Phantasie und praktische Gestaltungskraft erwartet.
Was gewinnen wir durch eine veränderte Lebens- und Arbeitswelt?
Die folgenden Fragen sind Anregungen für die Debatte:
Was passiert, wenn der Zwang zu wachsen wegfällt und was bedeutet das für mich, mein Umfeld, die Gesellschaft?
Wie erwirtschaften wir unseren Lebensunterhalt und den unserer Familien?
Welche Arbeit ist Erwerbsarbeit, welche Arbeit wird bezahlt?
Muss es Erwerbstätigkeit sein und was würde ein bedingungsloses Grundeinkommen für Frauen bedeuten?
Führt ein Umbau der Wirtschaft und damit der Arbeitswelt zu einer generellen Verkürzung der Arbeitszeit?
Wird ohne Wachstum auch mehr Zeit für jede/n bleiben, mehr Zeit zum Leben, die zu einem Zuwachs von Zufriedenheit führt? Wenn der Druck, effizient zu sein, wegfällt, sinkt die Zahl der Depressionen, Burn-Outs, Herzinfarkte?
Wie gehen wir mit Unsicherheit in der Arbeitswelt um, bzw. wie können wir die zunehmende Unsicherheit überwinden, woraus ziehen wir Anerkennung?
Führt eine Entschleunigung des Lebens zu mehr Gesundheit und Zufriedenheit?
Oder brauchen wir Wettbewerb und Ziele? Sind andere Ziele wie mehr Wachstum auch als Anreiz denkbar?
Führt eine Aufwertung der „Sorge-Arbeit“ auch zu mehr Gleichberechtigung für Frauen oder werden die Frauen wieder mehr in eine sorgende Rolle gedrückt, wenn die Wirtschaft nicht klassisch weiter wächst? Wie würden wir uns einer solchen falschen Entwicklung entgegen stemmen?
Ist eine Aufwertung nicht nur über einen Verdienst, bzw. einen höheren Verdienst möglich?
Unterliegt dann die „Sorge-Arbeit“ auch dem Wachstums- und Effizienzdenken? Wie ist dies zu verhindern?
Was bedeutet eine Stagnation des Wirtschaftswachstums für die Arbeitsplätze. Ist eine aus feministischer Sicht geforderte Umverteilung von Arbeit leichter möglich?
Wie stellen wir sicher, dass Frauen in dieser Umbauphase nicht zurück gedrängt werden, sondern der Umbau vielmehr zu einer weitgehenderen Gleichstellung führt, bei einer möglichen Umverteilung muss die Teilhabe an Erwerbstätigkeit verbessert werden?
Gibt es mehr Gerechtigkeit, wenn alle weniger arbeiten?
In welchem Verhältnis stehen wirtschaftliches Wachstum und soziale Nachhaltigkeit?
Als Folge der Globalisierung und der liberalen Wirtschaftspolitik vertieft sich die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen einer dünnen Schicht der Besitzenden und der großen Mehrheit derer, die an den Rändern der Ökonomie ihr Leben fristen.
Doch wer von wachsender Armut spricht, meint Einkommensarmut, nicht einen Mangel an Lebensqualität. Ist auch ohne Wirtschaftswachstum mehr Lebensqualität zu erreichen?
Oder müssen wir auf Dinge verzichten, um mehr Lebensqualität für alle weltweit zu ermöglichen?
Ein sehr interessanter Artikel, genau die Fragen, die ich mir stelle. Würde in diesen Ansatz auch das Problem der Arbeitsproduktivität passen? Also die ist ja so hoch heutzutage, daß eigentlich ein 3-Stunden-Arbeitstag reichen würde, um das zu erwirtschaften, wofür man sonst 8 Stunden benötigte, und, da die Gewinne ja super hoch sind, wäre ein diesbezüglicher voller Lohnausgleich auch möglich… behaupte ich so mal einfach. Insoweit wäre auch das Grundeinkommensthema eingegrenzt.