Für den Workshop “Mythos Eliten” musste die Referentin Julia Friedrichs krankheitsbedingt leider kurzfristig absagen. Das Interesse am Workshop war dennoch groß und so entwickelte sich mit Ulrike Gote (MdL) und Günther Sandmeyer eine rege Diskussion.
Martin Heilig war für uns beim Workshop und hat einen Bericht dazu verfasst.
Günther Sandmeyer leitet mit einigen Worten den Workshop ein: Historisch war Elite eine Warenbezeichnung, dann als Begriff von Leuten die es „nach oben“ geschafft haben ohne zum Adel oder Klerus zu gehören. Elite war häufiger gebrauchter Begriff im Militär.
Soziologische Erkenntnisse: Spitzenpositionen werden eher durch Auftreten bestimmt als durch akademische Abschlüsse und Leistungen.
Ulrike Gote führt – unterbrochen von einem Auszug aus dem Buch „Gestatten Elite“ -einige Gedanken und Thesen zum Umgang mit dem Thema Elite aus.
Einige ihrer Thesen sind:
- Wir sollten Elitenbegriff GRÜN füllen und besetzen. Elite war lange verbrannter Begriff. Viele – nicht nur GRÜNE – taten und tun sich schwer auch mit dem Begriff „hochbegabt“.
- Beschreibung der Eliten die Julia Friedrichs in ihrem Buch „Gestatten: Elite“ beschreibt.
- Teil der Elite: Eltern tun alles dafür ihren „Elite-Status“ auf Kinder zu übertragen – bei den sogenannten vorgeplanten Eliten geht es zuallererst um Geld und Reichtum.
- Problem dreigliedriges Schulsystem. Soziale Mobilität ist in Deutschland schlecht ausgeprägt.
- Elite soll Verantwortungs- und Leistungselite sein.
- Leistung bei vielen Grünen verpönt aber wichtig.
- Plädiert für Begabtenförderung. Individuelle Förderung.
- Zu einer Elite (es gibt mehrere Eliten) gehört man nicht von Geburt an. Eliten können sich entwickeln und auch verändern.
- Staatliche Eliteförderung nicht um dem Einzelnen gutes Einkommen zu verschaffen.
- Zugang zu den Eliten muss offen sein, allen offen stehen. Daher muss es viele Türen hinein in die Eliten geben.
- Demokratische, transparente Verfahren zur Auswahl der Förderung sind Grundvoraussetzung.
- In den Begabtenförderwerken werden zu 50% Mädchen bzw. Frauen gefördert, sie landen aber am Ende oft nicht in den „Funktionseliten“.
- MigrantInnen müssen besser gefördert werden; insbesondere Muslime/Muslima
- Soziale Zusammensetzung der Geförderten von Stiftungen: Häufig Akademikerkinder
- Warum? Kann man das ändern? Wie?
- Plädoyer: Begabtenförderung ausbauen – in der Spitze und Breite
Die Thesen von Ulrike Gothe werden kontrovers diskutiert. Einmütiger Konsens ergibt sich bei fast keinem Punkt. Zumindest deutlich mehrheitliche Einigkeit scheint über folgende Punkte zu herrschen:
- Vermeintliche Eliten übernehmen heute weniger gesellschaftliche Verantwortung. Dem muss entgegengewirkt werden.
- Wenn Eliten in einer Gesellschaft tatsächlich unvermeidlich sind (Ansicht umstritten), muss es eine staatliche Eliteförderung geben, die faire, transparente Zugangschancen zu den Eliten ermöglicht
- Was definiert Elite? Verantwortung, Leistung, Mut zum Querdenken, Kreativität
- Wer gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will, braucht demokratische Legitimation.
- Geldelite (1 %) bleibt unter sich, was schwer aufzulösen ist. Antwort kann hier wohl nur höhere Erbschafts-, Vermögens-, Spitzensteuer sein.
- Förderung für Hochbegabte ist nur dann legitimiert wenn dies zu einem Mehrwert für die Gesellschaft führt
Ansonsten sind sich die TeilnehmerInnen einig, dass es gut war dieses Thema aufgegriffen zu haben, dass aber dieser Workshop nur ein Auftakt für eine sorgfältigere Auseinandersetzung der GRÜNEN mit dem Thema gewesen sein kann.
Die Diskussion muss auf jeden Fall weitergeführt werden. Aus diesem Grund greife ich nochmals einige der Diskussionspunkte aus der Kongressdokumentation auf und kommentiere sie aus meiner Sicht.
Vermeintliche Eliten übernehmen heute weniger gesellschaftliche Verantwortung. Dem muss entgegengewirkt werden.
Wir Grünen können uns am ehesten mit dem Begriff der „Verantwortungselite“ anfreunden. Wir verstehen darunter, dass die Besten eines Faches sich in Politik, Verbänden, Schulen, Behörden usw. engagieren und ihre Kenntnisse zum Wohle der Bevölkerung und des ganzen Landes einsetzen. Die Realität zeigt uns jedoch recht häufig, dass die Besten in die Wirtschaft gehen und in erster Linie viel Geld verdienen wollen.
Mit welchen Mitteln wollen wir erkennen, ob jemand, der momentan sehr gute Leistungen hat, in Zukunft bereit ist Verantwortung zu übernehmen und daher zu einer Elite in unserem Sinne gehören soll.
Wenn Eliten in einer Gesellschaft tatsächlich unvermeidlich sind (Ansicht umstritten), muss es eine staatliche Eliteförderung geben, die faire, transparente Zugangschancen zu den Eliten ermöglicht.
Beschränken wir uns auf die Frage, ob Leistungseliten tatsächlich unvermeidlich sind. Außer der Leistungselite akzeptieren wir nur die „Verantwortungselite“, doch diese entsteht im Normalfall nur rückblickend. Erst wenn jemand Verantwortung übernommen hat und dabei außergewöhnliche Dinge vollbracht hat, kann man ihn zu dieser Elite zählen. Alle anderen Arten von Elite, wie Geldelite, Adelselite, Elitesoldaten, etc. brauchen wir an dieser Stelle nicht zu diskutieren. Ich denke, es herrscht Konsens darüber, dass wir dies ablehnen.
Ist also Leistungselite unvermeidlich? Muss ein junger Mensch, der in einem Gebiet ein besonderes Wissen und besondere Fähigkeiten hat, anders (besser) gefördert werden wie der Rest? Verträgt sich dies mit unserem Gerechtigkeitsbegriff?
Diese Fragen sollten ein Schwerpunkt unserer Diskussion über Eliteförderung sein.
Was definiert Elite? Verantwortung, Leistung, Mut zum Querdenken, Kreativität
Die alte Frage der Leistungsmessung, die uns auch in der bildungspolitischen Diskussion umtreibt. Wir müssen definieren, an welchem Punkt Elite beginnt. Dazu müssen die Begriffe wie Verantwortung oder Kreativität aber ja steigerbar sein, denn nach der gängigen Meinung müssen wir ja die finden, die besser sind.
Von uns als gerechter empfundene Bildungssysteme definieren einen Mindeststandard, den jeder können muss. In der Diskussion um Elite befinden wir uns wieder an der Stelle der Leistungsmessung, die wir im Schulalltag als falsch empfinden – nämlich zu sagen der eine ist besser als der andere. Die Definition von Elite funktioniert aber nur in der Abgrenzung zu anderen Begriffen. Damit etwas oder jemand Elite sein kann, braucht es als Gegensatz die Masse oder das Normale. Hier haben wir noch großen Diskussionsbedarf.
Wer gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will, braucht demokratische Legitimation
Wer für uns Verantwortung in der Politik übernehmen soll, muss gewählt werden. Sollen sich nur noch Menschen für ein politisches Amt bewerben dürfen, die den Stempel
„(Leistungs-)Elite“ haben? Dies widerspricht allen demokratischen Regeln. Diese Frage ist jedoch auch überflüssig, da die Zuschreibung Verantwortungselite ja erst nachträglich erfolgen kann.
Geldelite (1 %) bleibt unter sich, was schwer aufzulösen ist. Antwort kann hier wohl nur höhere Erbschafts-, Vermögens-, Spitzensteuer sein.
In unserer Diskussion spielt die Geldelite bis jetzt keine Rolle. Und das sollte auch so bleiben.
Förderung für Hochbegabte ist nur dann legitimiert wenn dies zu einem Mehrwert für die Gesellschaft führt
Die Förderung für Hochbegabte muss zu einem Zeitpunkt geleistet werden, in dem noch nicht absehbar ist, ob dies wirklich zu einem Mehrwert für die Gesellschaft führt. Dies ist zumindest bei einer individuellen Betrachtung der Fall. Da jedoch auch individuell entschieden werden soll, wer eine Förderung bekommt, ist eine andere Sichtweise nicht zielführend. Hier besteht noch erheblicher Diskussionsbedarf.
Wir sollten die Diskussion über Elite auf jeden Fall führen. Auf dem Kongress haben wir damit begonnen und nun hoffe ich, dass in den LAKs weiterdiskutiert wird.
Günther Sandmeyer
Sprecher LAK Bildung
KV Landkreis Landshut
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